Der Status der „Kumbhar“

Die Verflechtung von Handwerk und Kastensystem in Indien

- Inhalt -

  1. Mythologischer Ursprung des Töpferhandwerkes und der Töpferkaste
    1. Einleitung
    2. Entstehungs- und Schöpfungsmythen
    3. Feuer, Wasser,Erde
    4. Zusammenfassung
  2. Technologische Beschreibung der indischen Töpferei
    1. Einleitung
    2. Werkzeuge der indischen Töpfer
      1. Töpferscheiben
      2. Treibwerkzeuge
      3. Hilfswerkzeuge
    3. Materialien und Tonaufbereitung
      1. Ton und Magerungsmittel
      2. Reinigung des Tones
      3. Kneten des Tones
    4. Drehen und Treiben
      1. Drehen
      2. Treiben
    5. Andere Techniken
      1. Handformmethoden
      2. Plastiker und Tempeltöpfer
      3. Ziegelmacher
    6. Dekor und Morphologie
      1. „Fehlen“ von Glasuren
      2. Klassifikation indischer Dekortypen
      3. Morphologie
    7. Öfen und Brenntechniken
      1. Meiler- und Erdöfen (open-firing)
      2. Brennen in offenen Brennstellen (unenclosed oven)
      3. Brennen in halboffenen Brennstellen (enclosed oven)
      4. Brennen im (vertikalen) Brennofen (kiln-firing)
    8. Zusammenfassung
  3. Beschreibung der sozialen, ökonomischen, rituellen und politischen Organisation der Töpferkaste
    1. Soziale Organisation und Position der Töpfer im Kastensystem
      1. Einleitung
      2. Einordnung der Töpfer in das Kastensystem
      3. De-jure und De-facto-Subkasten innerhalb der Töpferkaste
      4. Gotrateilung innerhalb der de-facto-Subkaste
      5. Zusammenfassung
    2. Ökonomische Organisation der Töpferkaste
      1. Einleitung
      2. Berufsmonopol und Familienbetrieb
      3. Jajmani-System
      4. Berufliche Mobilität und Wandel in der traditionellen Organisation
      5. Zusammenfassung
    3. Rituelle und politische Organisation der Töpferkaste
      1. Einleitung
      2. Feste und Rituale der Töpferkaste
      3. Rituelle Verpflichtungen der Töpferkaste
      4. Kastenkonzil der Töpfer
      5. Abschluß
  4. Auswertung der Informationen zum Status der Kumbharkaste
    1. Zum Status der Waren der Kumbharkaste
      1. Einleitung
      2. Statusunterscheidung nach Farbe und Form der Waren
      3. Status der Waren im Zusammenhang mit anderen Statusanzeigern
      4. Statuswandel
      5. Zusammenfassung
    2. Status innerhalb der Töpferfamilie
      1. Einleitung
      2. Status der Familienmitglieder und Arbeitsteilung
      3. Zur Theorie der Arbeitsteilung und ihre Beziehung zum Status
      4. Zusammenfassung
    3. Statusunterschiede zwischen den Töpfern
      1. Einleitung
      2. Statusdifferenzen zwischen den Töpfersubkasten
      3. Zusammenfassung
    4. Status der Töpfer in Beziehung zu anderen Kasten
      1. Einleitung
      2. Einbindung der Töpferkaste in das Kastensystem
      3. Zusammenfassung

 

- Einleitung -

Diese Arbeit bezieht sich besonders auf Louis Dumont´s epochemachendes Werk „Homo Hierarchicus“, in welchem er sich eingehend mit dem indischen Kastensystem auseinandergesetzt hat. Aber auch seine Kritiker und Bourdieus „Versuch einer Theorie der Praxis“ und Mauss „Die Gabe“ beeinflußten u.a. die Bearbeitung des Themas.
Hauptuntersuchungsgegenstand war das Töpferhandwerk in Indien, bzw. der Status der Handwerker, ihrer Produkte und ihre Position in der Hierarchie des Kastensystems. An diesem eingegrenzten und dennoch sehr ergiebigen Beispiel soll der enge Zusammenhang von ganz spezifischen Eigenheiten des indischen Töpferhandwerks und der indischen Gesellschaft verdeutlicht werden.

Warum gerade am Beispiel der Töpferei? Die Töpferei ist eines der ältesten Handwerke der Menschheit und daher in vielen Kulturen weit entwickelt, bzw. eng mit dem sozialen Kontext verwoben. Keramik ist sowohl archäologisch, kunsthistorisch als auch technologisch erforscht worden und ihre Variabilität gibt Aufschluß über spezifische kulturelle und ästhetische Ausprägungen verschiedener Gesellschaften. Sie ist nicht nur ausgesprochen überlebensfähig, sondern als Symbolträger aufschlußreiches Objekt kunsthistorischer, archäologischer so wie ethnologischer Studien und Berichte.

Ein weiterer Grund, das Augenmerk auf die Töpferei Indiens zu richten, kam anfangs aus rein praktischem Interesse meinerseits, da ich viele Jahre lang selbst als ausgebildete Töpferin tätig war und daher auf das engste mit dem Themenbereich verwoben bin. Im Vergleich zu meinen bisherigen Arbeiten zur Töpferei in Nord-Afrika und besonders in China stellen sich bei der Bearbeitung der indischen Quellen viele technische und nicht-technische Fragen, die sich nur aus dem Zusammenhang des typisch indischen gesellschaftlichen Kontextes beantworten lassen. Die Erklärung dieser Fragen führte von der technologischen Seite des Handwerkes zu einer intensiveren Beschäftigung mit der Ideologie und Praxis des indischen Kastensystemes, der Hierarchie von rein und unrein und der Ausprägung anderer Strategien und Werte, die für die Entwicklung des Töpferhandwerkes prägend waren. Ganz gleich von welcher Seite der Gegenstand beleuchtet wird, ob man die Werkzeuge, die Bearbeitung des Materials, die Produkte, die Produzenten oder die gesellschaftliche Rolle derselben betrachtet, alle Bereiche unterstützen eine Erkenntnis - wie sehr die Töpferei in Indien Produkt des typisch indischen gesellschaftlichen Systems (Ideologie, Praxis und Normen) ist, wie sehr die Techniken des Handwerkes von Kastenregeln geprägt sind und wie eng Kaste und Handwerk in Beziehung zueinander stehen.

Die Umwandlung eines plastischen Gemisches aus Alluminiumsilikat, Quarz und Feldspat, genannt Ton, in einen anderen Stoff mit anderen Eigenschaften während eines Brennvorganges hat in unseren Augen wahrscheinlich wenig mit Mythologie und noch weniger mit Status zu tun. Dennoch existieren insofern Zusammenhänge, als in fast allen Kulturen der Welt die oben genannten chemischen Vorgänge entdeckt, bzw. genutzt wurden, um Keramiken herzustellen und fast überall wurde der Ursprung des Töpferhandwerkes, sei es in Bezug auf Materialien, Werkzeuge oder technische Abläufe selbst, mythisch hergeleitet. Des weiteren ist der Zusammenhang von Ton oder Lehm als plastischem Rohstoff und Schöpfungsmythen häufig anzutreffen und daher allgemein bekannt.

In Indien führte die Tatsache, daß die Fertigung von Keramiken unter Benutzung geweihter Werkzeuge mythologisiert wurde dazu, daß bestimmte Gruppen, die das für sich geltend machen konnten, auf Grund dieser Ableitung der Ursprünge durch Götter, einen höheren Status und daher statusspezifischen sozialen und religiösen Verpflichtungen nachzukommen hatten. So verrichten die Töpfer z.T. priesterliche Aufgaben, so wurden die Werkzeuge der Töpfer Anbetungsobjekte, so bilden die Produkte der Töpfer vielfach in Gefäß- oder figuriner Form den Rahmen ritueller Handlungen oder fungieren selbst als Symbolträger.
Durch den göttlichen Ursprung des Töpferhandwerkes in Indien wird dieses als heilig angesehen. Gott Brahma schuf die Welt, wie die Töpfer Gefäße und Figuren schaffen. Die Heiligkeit (the holy complex) reicht so tief in die religiösen Vorstellungen hinein, daß sogar durch Mitglieder anderer Kasten zu gewissen Anlässen die Werkzeuge angebetet werden. Daraus resultieren wiederum Tabus im Arbeitsprozeß, die mit Verunreinigung zusammenhängen. So dürfen Frauen die Töpferscheibe nicht berühren, während der Menstruation bestimmte Arbeiten nicht ausführen, kein Feuer entzünden und Männer beispielsweise im Trauerfall an bestimmten Festen nicht teilnehmen u.s.w..
Durch die reinigende Wirkung der Töpferscheibe ergeben sich rituelle Pflichten für die Töpfer, und die rituelle Verehrung durch andere Kasten reicht nach Saraswati soweit, daß den Töpfern mystische Kraft zugeschrieben und ihre Hilfe in verschiedenen Situationen für die Gemeinschaft sehr wichtig wird, z.B. bei Pockenausbruch, bei Trockenheit, bei Eheproblemen, bei Feindseligkeiten und Prügeleien und eben auch im Zusammenhang mit den Ritualen des Lebenskreislaufes.

Die Kastengesellschaft basiert auf einer Anzahl klassischer Konzepte bzw. Wertideen, worin die fundamentale Dimension von rein und unrein eingeschlossen ist. Diese Dimension manifestiert sich als hierarchisches Prinzip, in welchem eine radikale Trennung von Macht und Status existiert. Dies schafft eine gesellschaftliche Struktur, in welcher die Position jeder einzelnen Kaste von der Art der Beziehung (Interrelation/aktion) zu allen anderen Kasten herrührt. Die soziale Organisation ist somit auf das engste an religiöse und ideelle Wertvorstellungen gebunden.
„ Pottery will be found to be implicated in a number of ways in the symbolism of pollution and purity.“

< Inhalt >

- Zur Literatur -

Die Angaben in der Arbeit entstammen vornehmlich drei Texten von N.K.BEHURA, wovon zwei 1964 als Artikel im Anthropological Survey of India erschienen sind und zusammen mit zwei anderen Artikeln von B.SARASWATI als eine gesamtindische Daten- bzw. Bestandsaufnahme der Töpfer Indiens gelten könnte. Durch die Untersuchungen (Feldforschungen) sollten in 54 Distrikten in Nordwest- und Zentralindien durch Saraswati und in 46 Distrikten in Süd-, Ost- und Nordostindien durch Behura numerisch alle Töpfer sowie Besonderheiten ihrer Kastenzugehörigkeit und ihrer Handwerkstechniken aufgenommen werden. Auf Grund von Kürzungen der Mittel wurden die Aufträge eingeschränkt, aber beide Autoren haben später ausführliche Bücher zur Töpferei Indiens verfaßt, wobei sich Behura auf Orissa, einen technologischen Schmelztiegel, beschränkte. Beide Autoren berühren soziale Themen, Fragen des Konservatismus und Traditionalismus, betonen die Einheitlichkeit (Geschlossenheit) der indischen Kultur und sehen die Vielfalt der Töpfertechniken zur Differenzierung als untergeordnet, bzw. nebensächlich an. Als weitere Vertreter des „alten Blocks“ wären WISER zum Jajmanisystem, FOSTER in technologischer und BROUWER in symbolanalytischer Hinsicht zu nennen. Ihre „Gegenspieler“ aus dem „neuen Block“ wären zu den jeweiligen Themen FULLER; NICKLIN und Brenda BECK. Die Studien Saraswatis und Behuras wurden von neueren Autoren verarbeitet, aber anders ausgewertet. In einem sehr interessanten Aufsatz von Frau M.C.Mahias, in welchem sie, gestützt auf Dumont, die Betonung der Vielfalt als Mittel der Differenzierung als soziologisch reicher herausstellt und daher in gewisser Weise einen Gegenpol zu Saraswati und Behura und ihrer Betonung der Einheit bildet. Als weitere aktuelle Quelle wurde die Feinuntersuchung von D.MILLER herangezogen, der archäologische Stilanalysen mit Feldforschungsergebnissen verbindet und ein interessantes Buch zur materiellen Kultur Indiens verfaßte, das aber weit in soziologische Bereiche hineinreicht, indem es Status, Kaste und Hierarchie in diffiziler Art in Beziehung zur indischen Töpferware setzt. Als Ergänzung dienten Artikel von DAS, BETTS, AYAPPAN und allgemeine Nachschlagewerke zur Ethnologie und Ergologie, Texte zur materiellen Kultur sowie diverse Lexika zur Keramtechnologie.

< Inhalt >

- Literaturliste -

AIYAPPAN, A. Handmade Pottery of the Urali Kurumbars of Wynad Süd Indien in: MAN, 1947, Vol. XlVII pp, 57-59

BECK, Brenda Colour and Heat in South Indian Ritual in: MAN, n.s.4. no.4, 1969, 553-572

ders., Folktales of India Chicago, University Press, 1987

ders., Peasant Society in Konku Vancouver, University of British Columbia Press, 1972

BEHURA, N.K. Peasant Potters of Orissa New Dehli, Sterling Publishers, 1978

ders., Sociolgy of pottery among certain groups of potters in South India in: Bulletin of the Anthropological Survey of India, Vol. XIII, no.1/2, 1964, S.19-39

ders., Social and Cultural Aspects of Pottery in Southern and South-eastern India in: Bulletin of the Anthropological Survey of India, Vol. XIII, no.1/2, 1964, S.114-124

BETTS, F.N. Nagkhul Naga Pottery Making in: MAN, Vol. L, 1950, pp 117

BROUWER, J. A matter of Liminalities: A Study of Woman and Crafts in South India in: MAN in India, no. 67 (1), 1987, S.1-22

CONZELMANN, Elisabeth Heirat, Gabe, Status - Kaste und Gesellschaft in Mandi in: Pfeffer, Georg (Hrsg.) Reihe Indus 3, Berlin, Das Arabische Buch, 1996

DAS, B.M. A Note on Hira Potters of Assam in: MAN in India, no.36, 1956, S.199-202

DUMONT, Louis Homo Hierarchicus London, Weidenfeld and Nicolson, 1970

ders., Individualismus Frankfurt M., New York, Campus, 1991

ders., Religion Politics and History in India Paris, Mouton, 1970

FOSTER, G.M. The Coyotepec Molde and Some Associated Problems of the Potters Wheel in: Southwestern Journal of Anthropology, no.15 (2), 1959, S.53-63

ders., The Potters Wheel in: Southwestern Journal of Anthropology, no.15 (2), 1959, S.99-120

ders., Pottery-making in Bengal in: Southwestern Journal of Anthropology, no. 12, 1956, S.395-405

FULLER, Chris Misconceiving the Grain Heap in: Perry and Bloch, M., Money, 1989

GEBAUER, Walter Kunsthandwerkliche Keramik Leipzig, Fachbuchverlag, 1988

KARVE, I. Hindu Society - An Interpretation Poona, Deshmukh Prakashan, 1968

LEMMONIER, Pierre L’Etude des systèmes techniques, une urgence en technologie culturelle in: Techniques et culture, no.1, 1983, S.11-26

ders., L’Ecorce battue chez les Anga de Nouvelle-Guinée in: Techniques et culture, no.4, 1984, S.127-175

MAHIAS, Marie-Claude Pottery Techniques in India in: Lemmonier, Pierre (Hrsg.), Technological Choices, London, New York, Routldge 1993, S.157-178

MAUSS, Marcel Die Gabe Frankfurt M., Suhrcamp, 1990

MILLER, Daniel Artefacts as Categories - A Study on Ceramic Variability in Central India Cambridge, University Press, 1985

ders., Pottery as Ritual Paraphernalia in: Watson, W. (Hrsg.), Earthenware in Asia and Africa, Colloquies on Art and Archaeology, in Asia, no.12, London, University Press, 1984

MOURER, Roland Technological Progress: What for? in: Watson, W. (Hrsg.), Earthenware in Asia and Africa, no.12, London, University Press, 1984

NICKLIN, K. Stability and Innovation in Pottery Manufacture in: World Archaeology, no.3, 1971, S.13-48

OJO, I.R.O. Yoruba Ritual Pottery in: Watson, W. (Hrsg.), Earthenware in Asia and Africa, no.12, London, University Press, 1984, S.181-190

PAUL, Eberhard Antike Keramik Leipzig, Koeler und Amelang, 1982

RIETH, A. 5ooo Jahre Töpferscheibe Leipzig, Kabitzsch, 1939

SARASWATI, Baidyanath Pottery Making Cultures and Indian Civilisation New Dehli, Abhinav Publications, 1979

ders., Pottery Manufacture in Ladakh in: Bulletin of the Anthropological Survey of India, Vol. XIII, no.1/2, 1964, S.69-76

ders., Social and Cultural Aspects of Pottery Manufacture in Northern and Western India in: Bulletin of the Anthropological survey of India, Vol. XIII, no.1/2, 1964, S.39-49

THILO, Thomas u.a. (Hrsg.) Der Alte Orient in Stichworten Leipzig, Koehler und Amelang, 1978

VAN GENNEP, A. Recherches sur les poteries peintes de l’Afrique du Nord in: Bates, O. (Hrsg.), Havard African Studies II, S.235-97

VOSSEN, Rüdiger Reisen zu Marokkos Töpfern Hamburg, Christians, 1990

WEISS, Gustav Keramik Lexikon Frankfurt M., Berlin, Ullstein, 1991

WISER, W.H. The Hindu Jajmani System Lucknow, Publishing House, 1936

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